Hurra. Wir leben in Deutschland. Hoch zivilisiert. Modern und fortschrittlich. Man braucht nur etwas wollen und Zack! – man bekommt es. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Alles ist möglich. Service, Dienstleistungen, hoch entwickelte Industrie, Forschung und Medizin. So auch das Gesundheitswesen. Beständig, vertraut und vertrauenserweckend. Moderne Kliniken, Chirurgen, Lasertechniken, Operieren ohne Aufschnippeln, Katheder, CTs, Röhren und Ultraschall. Grandios. Was könnte es Besseres geben? Nur einen Fehler hat das Ganze: irgendwie kann man es nicht nutzen. Nun gut, manchmal ist es bestimmt ganz gut, Dinge zu haben, die zwar nicht funktionieren aber einfach schön sind. Jedoch will dies beim Gesundheitssystem so gar keinen Sinn machen. Eine Problemlösung muss her. Lösungen beinhalten Logik. Logik ist Mathematik. Also wird das Problem „weg gerechnet“. Müsste funktionieren oder?
Im Prinzip ist es doch eine ganz einfache Rechnung. Man nehme eine Krankheit, eine Chipkarte und einen Arzt, mische diese Bestandteile in einem proportionalen Verhältnis, addiere noch ein wenig Zeit und – Taaadaaaaaa – das Ergebnis ist: Nichts! Ziel der Rechnung war eigentlich der erfolgreiche Arztbesuch mit anschließender Genesung. Doch es scheint sich der Fehlerteufel eingeschlichen zu haben. Fehler in der Rechnung oder Fehler im System? Dass die Sachaufgabe nicht einfach mit dem Erstellen von „Gegeben“, „Gesucht“ und der passenden Formel aus dem Tafelwerk funktioniert ist auf das Einwirken zahlreicher Unbekannter (…Variablen X) zurück zuführen. Diese lassen sich einfach ermitteln, jedoch nicht so einfach extrahieren – oder ausklammern.
Schritt 1: Ermittlung der Unbekannten X
Die Unbekannte T – Zeit
Ein Arztbesuch ist ein nicht eingerechneter Aufenthalt an einem sich meist örtlich entgegengesetzt vom Arbeitsort befindlichen Platz. Unwissenschaftlich ausgedrückt: man müsste eigentlich pünktlich 7:30 Uhr in der Firma sein, doch dies kollidiert mit dem Vorhaben seinen Hausarzt aufzusuchen. Auch nach Arbeitsschluss, meist 18:30 Uhr ist dies nicht so einfach umzusetzen. Der Arbeitgeber ist der festen Überzeugung, Karriere bedeutet volle Hingabe und Umsetzung der Interessen des Chefs und der Firmenphilosophie. Diese setzt einen Hang zum Untertan-Sein und zur folgsamen Arbeitsausführung kurz nach dem Aufstehen bis zum Zu-Bett-Gehen voraus. Oft wird sie begleitet von einem völligen Rückzug aus dem sozial-gesellschaftlichen Leben. Welche Institution ist vor 7 Uhr früh oder nach 19 Uhr am Abend noch offen?
Die Unbekannte C – Chef
Das Vorhaben seine, vielleicht ansteckende, Krankheit heilen zu lassen wird vom Wohlwollen des Chefs beeinflusst. Wetter, Befindlichkeiten, gute oder schlechte Laune, Sympathie oder einfach nur ein schlechter morgendlicher Stuhlgang sind Faktoren, die die Entscheidung des Chefs für die Wahrnehmung eines Arzttermins erheblich beeinflussen. Sind diese Faktoren eher negativ belastet, gibt es ein „Nein, Sie dürfen heute nicht eher gehen!“. Hat der morgendliche Stuhlgang beim Chef gut geklappt, kann er sich eventuell zu einem „Ja, Sie dürfen eher gehen, aber das arbeiten Sie nach“ hinreißen.
Die Unbekannte Ö – Öffnungszeiten des Arztes
Sind die Unbekannten T und C überwunden und erfolgreich ausgeklammert, gilt es die Unbekannte Ö zu isolieren oder umzuwandeln. Ö ist insofern schwierig, als dass man nicht selten vor verschlossener Arztpraxis steht obwohl einem die Krankheit sehr zu schaffen macht. Nachmittagssprechstunden sind selten, fast schon ausgestorben. Wenn es sie gibt, sind sie sehr kurz. Wie heißt es so schön: in der Kürze liegt die Würze oder auch Qualität statt Quantität. Dies lässt einen hoffen.
Die Unbekannte K in Kombination mit der Variablen T – Krankenkasse und Termin
Das Gesundheitssystem Deutschlands ist perfekt ausgeklügelt. Es gibt Krankenkassen – die Helfer in der Not. Man kann gesetzlich oder privat versichert sein. Beide versprechen Hilfe, doch ist die Eine sinnlos und die Andere sinnbefreit. Die gesetzliche Krankenkasse ist ein Phantom. Es gibt sie, aber keiner hat was von ihr. Monatlich zahlt man Unmengen vom hart erarbeiteten Lohn in die eben Erwähnte ein. Ob man krank wird und sie nutzt, ist egal. Hauptsache man zahlt. Wenn man sie dann braucht, ist sie nicht da. Nein, sie hilft nicht, sondern sie degradiert sogar. Gesetzlich versichert impliziert: du bist ein armer Schlucker und kannst dir mehr als einen Schnupfen nicht leisten. Voll versagt und sozial benachteiligt. Die Private ist nicht weniger sinnbefreit. Das Einzige was sie dir gibt, ist den Einlass zum Tor der Mediziner. Auch wenn der Arzt vor wenigen Sekunden noch der Überzeugung war, keine freien Termine zu haben, findet er bei der Erwähnung der Privatversicherung doch noch das ein oder andere Zeitfenster. „Sind sie privat versichert?“ – Die Frage, die bei den Privilegierten Erleichterung schafft.
Die Unbekannte W – Wartezeit
Hat man es geschafft, die heiligen Hallen der Praxis zu betreten, wurde man aufgefordert die Sachen abzulegen und im Wartebereich Platz zu nehmen, wird man von Glücksgefühlen heimgesucht. Vorsichtig und mit Endorphinen gefüllt durchschreitet man die Tür zum Wartezimmer. „Guten Tag“, murmelt man und erahnt ein von Grunzlauten, Halskratzen und schlechter Laune getrübtes „Tach“ der übrigen Mit-Warter. Man nimmt Platz. Es ist eng, die Stühle aneinander gesteckt. Die Beinfreiheit ist ein Wunschgedanke, die Tasche auf dem Schoß rutscht ständig runter. Vor einem steht ein Tisch, voll mit Zeitschriften. „Die Bunte“, „Gala“, „Der Rätselfuchs“ und „Die Aktuelle“. Zerknittert und abgegriffen. Aber das ist egal, Hauptsache Unterhaltung. Die Kreuzworträtsel darin sind auch schon gelöst. Nur das „Mittelgebirge in Südmauretanien“-Feld ist noch leer. Hmm. Bedächtig liest man Artikel über die Queen, Schwedens Königsfamilie, Bulimiefälle in Hollywood. Nebenbei hört man die Schwestern am Empfang säuseln „So dann kriegen wir noch die Praxisgebühr. Was, so ein großer Schein? Da müssn Se erstma wechsln gehn. Das kriegen wa hier nisch klein.“ Nur gut, dass ich zwei Fünfer hatte, denkt man. Nach zwei Stunden voller Hustenattacken von links und nem juckenden Hautausschlag von rechts ist es dann soweit: „Der Nächste bitte!“ Es ist geschafft. Die Unbekannte W ist geschlagen!
Die Unbekannte A in Kombination mit E– Alter des Patienten und die daraus resultierende Ernsthaftigkeit der Untersuchung
Im Sprechzimmer ist die Erlösung nach Hilfe so nah – und doch so fern. Die Diagnose wird nicht vom Umstand und vom Ausmaß der Krankheit gestellt, sondern vom Erscheinungsbild des Erkrankten abhängig gemacht. „Sie sind ja noch so jung. Da hat man so was nicht. Das ist nix Schlimmes. Kamillentee trinken wird helfen.“ – Bitte? Das wars? Nur weil man das Rentenalter noch nicht erreicht hat, könnte es nichts Ernsteres sein? Keine weiteren Untersuchungen? Keine Vorsorge? Kein Röntgen, Ultraschall oder wenigstens Blutdruck messen? Stimmt eigentlich. Der Schlaganfall des 30-jährigen Bekannten war ja auch nur ein Versehen und eine Laune der Natur. Sachen gibt’s!?
Schritt 2: Der Lösungsversuch
Die einzelnen Komponenten werden auf einer Skala von -10 und +10 eingestuft, um eine Vergleichs- und Berechnungsgrundlage zu schaffen. Je nach Grenzwertigkeit, Neigung und prozentualer Kulanz erhalten sie so folgend eine Bewertungsmessgröße.
Gegeben:
- 1 ernstzunehmende Krankheit mit Verdacht auf Schlimmeres
- 1x böser und verachtender Blick vom Chef
- bei ihm Aussicht auf Nacharbeit, Spießrutenlauf, zukünftiges Mobbing und
- ein Eintrag in die Personalakte mit dem Bemerk „faul”
- 1x Arzt mit Budgetstress, Unlust und Befindlichkeiten
- 1x Anfahrtsweg zum Arzt
- 1x Praxisgebühr von 10,00 Euro
- einmal Anmeckern lassen weil man es nicht passend hat
- 1x Warten bis im übervollen Wartezimmer bis ein Platz frei ist: 20 Minuten
- 1x Platz zwischen Grippe, Bronchitis und Lungenkatarrh
- 1x ein bereits ausgefülltes Sudoku in einer Zeitschrift
- 1x dummer Ratschlag vom Arzt à la:
- „Sie dürfen nicht so viel arbeiten. Und Rauchen und Kaffee sind auch ungesund“
- (Stimmt, daher kommen wahrscheinlich auch die chronischen Rückenbeschwerden!)
- Zeitproblem T =+10
- Kulanz des Chefs C= -10
- Öffnungszeiten des Arztes: immer offen, außer Mo-So; Ö= -10
- Kein freier Termin weil man bei der Barmer ist, K= -10
- Wartezeit: 2h, W= +10
- Alter und Ernsthaftigkeit der Diagnose: A/E = -10
Gesucht:
- ein Arztbesuch, ohne schlechtes Gewissen beim Chef mit anschließender Diagnose = X
- Aussicht auf Heilung
Lösung:
X setzt sich zusammen aus T, C, Ö, K, W, A/E
X = T+C+Ö+K+W+A/E = -20
Dazu werden Frust, schlechte Laune und zunehmendes Unwohlsein addiert.
-20 + 30 = 10
Da die Wurzel allen Übels das System ist, muss davon noch die Wurzel gezogen werden:
Wurzel von 10 = 3,16
Davon müssen Lebenslust, Freude am geheilt werden, Motivation und Geduld abgezogen werden.
3,16 – 40 = - 36,84
Ergebnis:
Das Vorhaben, seine Krankheit heilen zu lassen, das Risiko den Chef zu verärgern und zu Hause zu bleiben, liegt dem Ziel zugrunde, das Wohlbefinden, den Tatendrang und die Körperkraft wiederherzustellen. Das Ziel ist, neben allen beiläufigen Faktoren, ein Positives. Das ermittelte Ergebnis stellt jedoch eine Zahl im Minusbereich dar. Ergo: Das Ergebnis ist negativ. Folglich ist festzustellen, dass es sich bei dem gesuchten Ziel und dem tatsächlich ermittelten Wert um ein Diskrepanzergebnis handelt.
Das Ziel ist in diesem Land folglich nicht in dem gewollten Rahmen erreichbar.
Auf deutsch: Klappe halten, Kamillentee to go und auf Arbeit gehen. Rumjammern und sich heilen lassen is nicht. Geholfen wird dir eh nicht. Das Stechen im Arm und das und in der Brustgegend sowie das Rasseln in der Lunge sind wahrscheinlich eine Allergien gegen den Alltag oder einfach nur grippale Infekte. Wird schon nicht so schlimm sein, man ist ja schließlich noch jung. „Da hat man so was noch nicht!“
Einfache Rechnung, oder? So leicht kann Mathe sein!


