Vom Aufschwung. Oder vom Callcenter-Wolf im Marketing-Schafspelz.

Deutschland ist Spitze. Spitze im Senken der Arbeitslosenzahlen.

„Die Arbeitslosigkeit sinkt in Deutschland schneller als im EU-Durchschnitt. Und auch in der Eurozone gehört die Bundesrepublik zu den Spitzenreitern beim Abbau der Arbeitslosenzahlen, wie aus Zahlen des Europäischen Statistikamtes (Eurostat) hervorgeht. Eurostat zufolge waren im Januar 6,8 Prozent aller Erwerbstätigen in der EU ohne Arbeit. Für Deutschland errechneten die Statistiker in Luxemburg eine Arbeitslosenquote von 7,6 Prozent im Januar. Das war zwar mehr als im EU-Durchschnitt. Aber der Abstand hat sich binnen Jahresfrist deutlich verringert. Im Januar 2007 lag die deutsche Quote noch um 1,2 Punkte höher, die europäische sank seither nur um 0,7 Punkte.“
(Quelle)

Das klingt doch super. Mensch, wir haben es geschafft. Das Elend scheint bald ein Ende zu haben. Unbändiger Wohlstand, eine Umkehr des finanziellen Ruins vieler Familien, Existenzsicherung, Luxus der Deutschen, Urlaub, Reisen und Genießen und einfach mal im Supermarkt die Waren aus den oberen Regalen greifen – das ist es was uns allen bevorsteht. Genial. Wir können stolz darauf sein und der Zukunft ins Auge sehen. Ohne Angst als furchtlose Konsumgeier bald die Wirtschaft weiter ankurbeln, kaufen, ausgeben und investieren. Deutschland ist im Aufschwung.

So oder so ähnlich klingt es, wenn man Prognosen von fettleibigen Politikern lauscht, Statistiken und überdimensionierte Diagramme sieht, die uns das leibliche und finanzielle Wohl versprechen. Doch ist die Kunst der Vermarktung der eigenen Leistungen schon immer Politikersache gewesen. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, wenn diese als Schaumschläger und Illusionäre enttarnt werden. Einfach gesagt: das alles ist reinste Utopie, Lug und Betrug, Täuschung. Kriminell und unmoralisch. Denn es stimmt einfach nicht. Es ist gelogen.

Es mag sein, dass die Zahlen auf dem Papier schwinden wie Sonderangebote im Supermarkt. Sie werden kleiner, fast unsichtbar. Darüber wird viel lamentiert, es wird gepriesen und es wird darüber geredet. Worüber nicht geredet wird, ist das „Wie“. Wie ist die Senkung möglich, warum sind die Zahlen auf einmal so niedrig? Für die, die gerade immer noch eine Beschäftigung suchen, wird dies schnell klar. Die Zauberwörter heißen „Zeitarbeit“ und „Niedriglohn“. Der Markt ist übersättigt, wir brauchen Akademiker und Fachkräfte, heißt es. Doch es gibt sie. Es gibt viele von ihnen. Sie suchen und recherchieren, doch sie werden nicht fündig. Und bevor sie gar nichts haben, landen sie…na wo? Genau. Bei einem miserabel bezahlten Job auf Zeit. So passiert es schnell, dass der gut ausgebildete Sprachwissenschaftler für einen Hungerlohn Intimpflegeprodukte am Telefon verkauft. Mehr oder minder gut. Dafür bekommt er, in Ostdeutschland, 6,70€ pro Stunde. Jeden Morgen heißt es für den Akademiker „Aufstehen, Hirn ausschalten und Verstand wegschmeißen und auf Arbeit gehen, sich verstellen, sich missbrauchen lassen und gutgläubigen Menschen das widerwärtige Elend aufschwatzen“. Rot werden dabei ist erlaubt. Der Geprellte sieht es ja nicht und der Lügen-Detektor im Telefon ist ja noch nicht erfunden. Jeden Tag heißt es dann „Guten Tag, mein Name ist Bettina Hundebein, ich rufe Sie im Auftrag der Intimcare AG aus Berlin an. Ich hätte gern denjenigen in Ihrem Haushalt gesprochen, der bei der letzten Mondfinsternis den besten Stuhlgang und genau an diesem Tag Namenstag und zudem noch einen Tag danach Geburtstag hatte und der die mittelgrößte Schuhgröße hat. Sie sind dran? Wunderbar Frau Schnitzeltisch. Frau Schnitzeltisch, haben Sie eventuell kurz Zeit? Ich habe da ein unwiderstehliches Angebot für Sie. Frau Schnitzeltisch, juckt es sie manchmal? Egal wo, egal wann. Wir haben da was für Sie. ….Wunderbar. Zum Aktionspreis: sie erhalten 4 Cremedöschen zum Preis von 10. Damit es sich auch lohnt. Vielen Dank. Wenn Sie mögen, belästigen wir Sie von nun an täglich. Und wenn Sie nicht mögen, auch.“
Niveauvoll. Geistreich. Und gewinnbringend. Nur weder für den Niedriglohnempfänger noch für den Geprellten. Sondern nur für das Unternehmen.

Mittler zwischen gierbesetzem Reichtum und finanziell Bedürftigen

Nun leben wir ja in einer Zeit, in der es schick ist, viel zu arbeiten, immer busy zu sein, Gewinne zu erzielen und die Menschlichkeit straff auf der linken Spur zu überholen. Zeit ist knapp und wird zum Luxusgut. So hält ein Unternehmen alle Dinge für lästig und überflüssig, wenn man aus ihnen nicht sofort Millionen binnen Sekunden scheffeln kann. Ergo: man beschäftigt sich nur mit dem Gewinnbringendem, das Langweilige, aber Nötige, lässt man verrichten. So plagt sich kaum noch ein Unternehmen mit der Personalbeschaffung. Keine Zeit und kein Geld für eine anständige Human Resources- Abteilung, die sich ihr Personal selbst ran holt. Stellenangebote zu veröffentlichen, hunderte Bewerbungsmappen in grau, schwarz, grün oder auch per Email mit 10 MB Anhang zu bekommen, auseinander zu nehmen, auch noch zu lesen, zu beurteilen, zu schreddern oder Bewerber schließlich einzuladen ist nicht „gruwi“ genug. Das nervt, kostet Zeit, Papier und zu viele Mausklicks und verstopft das Outlook. Diese wichtige, aber nervige Angelegenheit, wird ausgegliedert, an andere vergeben. So entstanden sie. Die Zeitarbeitsfirmen, die Personalvermittler und Beratungsagenturen. Es gibt sie überall. Kaum ein Stellenangebot wird vom Unternehmen selbst veröffentlicht. Fast immer verstecken sie sich hinter der „Ichfindedenpassendjobfürdich Gmbh“ oder der „Schnappdirdeinentraumjob AG“. Im Grunde ist daran auch gar nichts auszusetzen. Wirklich. Echt. Nur sind die Verfahrensweisen einiger dieser „Helfer in Not“ manchmal sehr fragwürdig. Zuvor sei gesagt: es sind nicht alle von der Sorte. Es gibt natürlich auch seriöse Mittler. Die Rede ist hier nur von einigen schwarzen Schafen. Diese scheinen sich wie kleine Insekten in den Jobbörsen rumzutreiben, umschwirren alle möglichen Stellenangebote, spinnen sie in ihr Netz und geben sie erst heraus, wenn man alle persönlichen Daten bei Ihnen abgeliefert hat. Den Namen des Unternehmens, bei dem man seine Zukunft verbringen soll, gibt’s ganz am Schluss. Auch alle übrigen Informationen sind eher zweitrangig. Was interessiert auch der Name, die Branche oder der Standort des zukünftigen Arbeitgebers? Eine Identifikation mit dem Brotspender geht auch völlig ohne, die Stellenbeschreibung muss reichen. Wie dreist, mehr über seine Zukunft wissen zu wollen. Nicht selten muss man für das Arbeiten auch noch bezahlen. Klingt komisch, ist aber so. Private Arbeitsvermittler müssen ja auch schließlich Geld verdienen um ihre Schnitte für das Abendbrot bezahlen zu können. Und damit da nicht jeden Abend nur Salami drauf ist, sondern auch mal Räucherlachs mit Honig-Senf-Sauce, sind die Honorare ordentlich. Der Honorarschein ist das Erste worüber einem berichtet wird. Den hat man auch eher in der Hand, als das man seine Jacke auf den wackeligen Jackenständer gehängt hat. Die Eignung für die zukünftige Stelle hat auch nicht unbedingt oberste Priorität. Hauptsache die Richtung stimmt, der Bewerber muss 2 gesunde Beine haben, einen Satz gerade aus sprechen können und er braucht mindestens einen Arm. Zum Unterzeichnen des Honorarvertrages. Den zweiten Arm braucht er nicht – denn bei der vermittelten Tätigkeit trägt man ein Headset. Das dürfte also alles kein Problem sein.

Hassjobs im Faschingskostüm

Es gibt schöne Arbeiten und unschöne Tätigkeiten. Der Anspruch den man an seinen Job hat, hat viel mit der Ausbildung zu tun – aber noch mehr mit dem menschlichen Faktor: das sich Wohlfühlen, die Identifikation mit der Arbeit und dem Arbeitgeber. Niedrig bezahlte Jobs für weniger hoch qualifizierte Arbeitnehmer müssen nicht zwangsweise unmoralisch und ethisch unvertretbar sein. Das hat keiner verdient. Dies haben jedoch noch nicht alle Arbeitgeber erkannt. Zu groß ist das Geschäftsdenken, der Wille nach Gewinnmaximierung und Streben nach dem wirtschaftlichen Erfolg. So gibt es zahlreiche Job, bei denen die Menschenwürde auf der Strecke bleibt. Gemeint sind Tätigkeiten im Vertrieb und Verkauf – sie belästigen die Gesellschaft und belasten die Ausführenden. Diese Jobs sind unattraktiv und ungeliebt. Doch wie bringt man diese Nervfaktoren an den Mann? Klar. Man schiebt sie in ein passendes Outfit, „hübscht sie auf“ , macht sie attraktiver. Doch nicht etwa mit einer höheren Bezahlung oder genialen Arbeitsbedingungen. Nein. Falsch gedacht. Man gibt ihnen einfach einen anderen Namen. Vokabularfasching. Namens-Make-up. Bezeichungs-Lifting. So wird aus einem einfachen Call Center – Job ein attraktives Etwas. Es zieht an, täuscht vor, trügt und verwirrt. Und so bewirbt man sich in der Hoffnung in dem Stellenangebot des „Sales Assistant“, „Marketing Assistant“ oder „PR-Fachkraft“ den Traumjob zu finden, seiner Kreativität freien Lauf lassen zu können, Zufriedenheit zu erlangen und endlich Berufserfahrung zu sammeln. Mit zitternden Knien begeht man das Bewerbungsgespräch, übersteht Stunden voller Aufregung, fönt seine Haare elendlang bis sie auch wirklich sitzen, wartet und hofft. Und dann? Dann hat man ihn: den Call-Center-Job. Endlich darf man das machen, worauf man so lange NIE gewartet hat. Man darf andere Menschen belästigen und belügen und dafür kaum Geld verdienen. Aus der verhofften Stelle im Bereich Marketing wurde eine Vertriebsposition auf Honorarbasis. Die Aufgabe des Sales Assistant ist es, möglichst viele elektrische Hornhautentferner zu verkaufen. Die PR-Fachkraft muss auf einmal sich selbst reinigende Gummilaken für die Betten von alzheimerischen Rentnern bewerben und zusätzlich noch Marktforschung betreiben. Dabei handelt es sich um 300-minütige Interviews zum Thema Darmtätigkeit nach Einnahme von linksdrehenden Joghurt-Kulturen. Ein (Alb-)Traumjob. Das soll es nun sein? Sicherlich ist es legal menschenverachtende Tätigkeiten zu kostümieren und so an den Mann zu bringen. Ein Gesetz für passende Tätigkeitsbezeichnungen gibt es in der freien Wirtschaft wohl nicht. Obwohl es angebracht wäre, denn genormt wird in diesem Land alles – sogar Salatgurken. Doch ist es ein ethisches Verbrechen. Unmoralisch und deshalb kriminell. Ein seelischer und mentaler Missbrauch von hoffnungsertränkten, arbeitssuchenden Seelen, die ein zufriedenes Berufsleben führen wollen.

Aber was solls. Hauptsache man hat einen Job. Hauptsache man hat die Lohnsteuerkarte abgegeben und zahlt seine Krankenversicherung. Im Grunde ist es doch völlig egal was man tut. Es gibt viel Schlimmeres. Schließlich könnte man auch kriminell werden, alte Omis ausrauben, aus Langeweile Enten in den Teich schubsen und kleinen Kindern auf der Straße den Keks klauen. Das wär in der Tat viel schlimmer. Und im Endeffekt ist ja alles wunderbar, denn:

Die Zahlen stimmen und Deutschland ist im Aufschwung. Doch wann nimmt es seine Bürger dabei auch mit?


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