Es ist September 2008. Das Sommerloch ist vorbei, das Leben scheint wieder berichtenswert zu werden…glaubt man. Der Glaube ist manchmal jedoch auch ein Irrglaube. Dies wurde gestern Abend wieder einmal deutlich.
Seit einiger Zeit gibt es sie wieder: die berühmt-berüchtigte Popstars-Staffel. Diesmal „just 4 girls“. Dass es sich dabei um Unterschichten-TV vom Allerfeinsten handelt, ist nichts Neues. Das eigentliche Ausmaß der visuellen sowie auditiven Katastrophe wurde jedoch erst beim relativ kurzweiligen Betrachten der Pseudo-Pop-Glamour-Show deutlich.
Die gestrige Folge stand wohl vor allem unter dem Motto „Popstars goes Provinz“. Das Casting fand in der Landeshauptstadt Sachsens statt (für die, die es nicht wissen: es ist Dresden *nein, ich unterschätze den IQ meiner Blogleser nicht, aber manchmal ists doof). Popstars meets Kultur und Niveau, Trend meets Geschichte, Coolness meets Retro, Hip-Sein meets Sächsisch. So oder so ähnlich muss das Producer-Team der Casting Show wohl an diese Sache heran gegangen sein. Eins fix drei, wurde der rote Teppich ausgerollt und die Juryprominenz präsentierte sich endlich den dummguten Bewohnern des ehemaligen Tals der Ahnungslosen. „Seht, so sehen Prominente aus. Wir zeigen euch jetzt einmal wie schön das Leben sein kann.“
Hervorzuheben war die unheimliche Menschenmenge, die lange genug auf das Bejubeln der Jury gewartet haben muss. Gefühlte 200.000 Mädchen, gut getarnt als eine „gesehene“ Menge von 400 stürmten das Areal, Jubelgeschrei und Freudensprünge, kunstvoll inszeniert, grandios vom Kamerazoom eingefangen. Aus Zeitgründen wurde auf eine „Total-Einstellung“ verzichtet. Weniger ist eben manchmal mehr.
Dann ging es los. Auf Dresdener Originale musste man meist verzichten, die meisten Mädchen kamen aus der Bundeshauptstadt oder aus den alten Bundesländern. Die Sanges-Orgie begann. Popstars poorly, ähm, sorry, proudly presents: Die Jury, bestehend aus einem zu groß geratenen metro-sexuellen Tanzbär mit viel zu dünn gezupften Augenbrauen, einer Hexen-ähnlichen Sing-Sang-Künstlerin spanischer Herkunft mit zu viel blondiertem Kunsthaar und einem Akzent, welcher Parodontose voran treibt und einem Pseudo-Eminem aus Berlin, der aussah, als hätte er früh den Bus verpasst.
Es wurde gesungen, gerappt, getanzt. Junge Damen, die eher Transsexuellen aus dem Balkan ähnelten, schüttelten ihre mit Kunsthaar aufgefüllten Mähnen. Die lackierten Fingernägel korrespondierten eifrig mit dem aufgeschmierten Lidschatten. Diese Korrepondenz ähnelte aber lediglich einer Diskussion vergleichbar mit der einer Packung Milch und einem aufgeschlagenen Ei. Der Castingraum füllte sich, aber das Vakuum vergrößerte sich. Blonde Barbiepüppchen in ihren Paris-Hilton-Rollen hielten in Fotostar-Manier 200-gr-schwere Hündchen in die Kamera, blinzelten, wackelten mit dem Popo in ihren Skinny-Jeans und pressten die Hüften nach vorn, sobald die Kamera sie erhaschte.
Kategorie 1 der Castingopfer
16-jährige Mädchen mit Migrationshintergrund und hervor tretenden Hüftknochen sowie übergroßen Kreol-Ohrringen trällerten sich die Seelen aus dem Leib, mimten das Vibrato à la Whitney, leierten den letzten 4 Silben jeden Satzes à la Christina. Die Texte dazu haben sie bei der letzten Sozialarbeitsstunde gelernt, während ihr Macker draußen um brennende Mülltonnen in der Hood tanzte. „Verstehste, Alder?“. Die falschen Wimpern flackerten, die Röhrenjeans platzten bald und Sido sabberte.
Kategorie 2 der Castingopfer
16-jährige Mädchen mit etwas mehr Hüftspeck, keinen Röhrenjeans sondern mit der klassischen 5-Pocket-Jeans und einem „witzigen“ Oberteil aus der Pimkie-Kollektion 1996, boten ihre 3cm-dicken Brillengläser feil, blickten beim Singen verschämt zu Boden, ein Bein angewinkelt, das andere in den Boden stampfend, erhellten sie mit glockenklarer Stimme den Raum. Sie kamen in den „Recall“, begleitet mit der Bemerkung, sie sähen zum Kotzen aus, aber man käme an ihrer schönen Stimme nicht vorbei. Eines dieser Opfer wurde mit 10 Liegestützen vor einem Millionenpublikum gefoltert und lächerlich gemacht. „Du schaffst es. Wenn du die nicht schaffst, dann schaffst du nichts im Leben. Und deinen Hüftspeck müssen wir weg kriegen. Sonst bist du ein Nichts“. Klar ist, diese Mädels sind nicht für die Band vorgesehen, sondern sie sind die Quoten-Dicken, die Außenseiter, deren Scheitern man gern auf mehrere Folgen aufteilt. Am Ende werden sie es, auch mit glockenklarer 1a-Stimme, nicht gegen die „Pseudo-Beyoncés“ Kashira & Co. schaffen. Sollen sie auch nicht.
Kategorie 3 der Castingopfer
Die Schicksalsträger. Gern werden ihre schweren Lebensläufe in Kurzfilmchen eingeblendet. Die arme Tashira, deren Vater vor Jahren einem Krebsleiden erlag, für den sie nun singt. Die noch ärmere Shanika, deren Bekannte einen Vater hat, der mal mit einem Mann gesprochen hat, der bei einem Tankstellenwart mit nur einem Auge ein Bier gekauft hat, welches von einem 1-beinigen Brauereimeister gebraut wurde, der wiederrum ein Verhältnis mit einer an Aids erkrankten Transsexuellen hatte, trauert um ihr totes Meerschweinchen und widmet dem auch gleich das folgende Lied von Mariah Carey „Without you“. Das ist doch eine Story wert. Das kann auch gleich cross-promoted werden beim Promi-Klatsch-Magazin „taff“, oder so ähnlich.
Kategorie 4 der Castingopfer
Die Lächerlichen. Dies waren die einzigen mit einem sächsischen Dialekt. Ein Volksmusik-vorbelastete aus Stollberg, im Trachtenkostüm, ein Popliedchen trällernd. „Ich möchte weg vom Schlager und der Volksmusik. Ich möchte mal was poppigeres machen“ erzählt sie im Kurzfilmchen. Ungeschminkt, im ostdeutschen Mauerblümchen-Style, mit Ossi-Optik und ostdeutscher Bescheidenheit geniert sie sich nicht D! & Co. das Lied von der poppigen Liebelei vorzusäuseln „Ei fink off ju ..so much, it is so good wenn ei fink of ju“ hallt es aus dem Castingraum. Die Vorstellung der Senderegie ist einfach: „So wat brauchen wa noch, wa…so nen Sachsen der kein Englisch kann.“ Zack, Kamera drauf, abgefilmt und theatralisch in Szene gesetzt. Das bringt Quoten. Für irgendwas muss der Drehtag in Dresden ja auch gut gewesen sein.
Ach wie schön. Medien. Popstars. Inszenierung. Vorurteile. Quotenrenner. Volksverdummung. Das Fernsehen ist ein großes Überraschungsei. Und wir sind die, die immer wieder diese Eier in die Hand nehmen, schütteln, hören was drin ist und dann mehr oder weniger genüsslich verzehren. Gab es nicht zuletzt eine Diskussion über ein eventuelles Verbot dieser Überraschungseier? Schade, dass es so schnell vom Tisch war.
Mahlzeit.




