Privatfernsehen: Unser Gewinn nach dem Mauerfall

Wir feiern den Fall der Mauer. Das Fernsehprogramm langweilt nun schon seit Wochen mit Reportagen und Dokus, in denen sächsisch sprechende, in „bleached Jeans“ gestopfte Ossis an den Türen ungarischer Botschaften hämmern, um endlich die gesehnte Freiheit zu erreichen. Shows, in denen die Andrea Kiewels, die Katharina Witts und die Sebastian Krumbiegels dieser Welt ihre „unglaublichen“ Mauererlebnisse schildern, zerren an den Nerven eines jeden normal begabten Menschen. Doch was hat uns der Mauerfall eigentlich neben Urlauben, iPhones und hohen Nebenkostenabrechnungen so gebracht? Eines ist mir sofort aufgefallen: Das Privatfernsehen – ein TV-Programm von unbändiger Vielfalt.

Unschlagbar ist der Nachmittag auf den privaten Urgesteinen. RTL, Pro7 und Sat1 zeigen uns unser Deutschland. Bildet man damit tatsächlich den Ist-Stand ab oder passt man sich an die Mehrheit der Zuschauer an? Kaum eine Uhrzeit bietet mehr an Schimpfwörtern, modischen Unausgeglichenheiten, figurlichen Faux-pas, sozialen Schmarotzereien und an Verunglimpfungen unserer gemeinsamen, wunderschönen Sprache.

Deutschkurs für Fortgeschrittene auf RTL – „Wir sind das Volk“

„Halt die Fresse. Ich han kei Lust auf Stress“ tönt es vom 16-jährigen Kurt. Kurt hat fettige Haare, eine Adipositas-Mutter, einen Vater ohne Zähne und wohnt in einem Messie-Haus irgendwo im Saarland. Die gesamte Familie zeichnet sich durch einen extrem niedrigen Intelligenzquotienten mit kombinierter Schwachsinnigkeit aus. Kurt war mal Hauptschüler, doch er geht schon seit Jahren nicht mehr zur Schule. Er sitzt immer im Wohnzimmer und spielt WoW. Das kann er nicht in seinem Zimmer  im Obergeschoss tun, weil das „Internet nicht bis oben reicht“. Jeden Tag geht die Familie zur „Kirner Tafel“ um sich mit Lebensmittel, oder auch mit „Dreckszeug“, wie Kurt es liebevoll nennt, einzudecken. Weil das Haus schon voll gekramt ist, isst die Familie im Hof. Es gibt manchmal Brötchen mit Käse oder Schinken. Kurt findet das alles doof und vergräbt sich in seinem Messie-Zimmer. Da kann ihn seine Adipositas-Mutter nicht nerven, weil es für sie zu umständlich ist, auf allen Vieren die Treppe hochzukriechen. Wenn der Vater spricht, muss ein Untertitel eingeblendet werden. „Wir müssem den Kurt sein Zimmer entrümpeln tun, damit der Platz zum Schaffe hat und aus ihn mal später was wird“, sagt die Adipositas-Mutter zum Reporter.  Schön für Kurt.

tv

Döner, Dummheit und Dramatik auf Pro7 „Wir sind das Volk“

Manuela ist Hausfrau und liebt ihre Hunde. „Komm bei die Mutti“ ruft sie einem schwarzen, zotteligen Etwas zu und küsst den Hund aufs Maul. Manuela hat eine Blumenkohl-Frisur und kombiniert eine Fitness-Hose mit Absatzschuhen und einem Kapuzenpullover. Sie wohnt in einer Plattenbauwohnung irgendwo im Ruhrpott und findet Airbrush-Bilder an den Wänden schick. Manuela hat eine Tochter. Nadine. Die ist 20, im Kopf aber irgendwie wie 10, von der Figur her aber wie 40. Macht im Durchschnitt also 35. Die Tochter hat Schwimmringe, die sie jeden Tag mit Döner oder Pommes füttert. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist Bummeln gehen, essen und SMS schreiben. Das stellt eine große Herausforderung dar, denn mit den aufgeklebten künstlichen Fingernägeln wird das Ganze zu einem schwierigen Unterfangen. Ihre größte Sorge ist zurzeit die Suche nach einem geeigneten Sexualpartner.

Richter, Ratschlag und eRotik  in Sat1 „Wir sind das Volk“

Eine Richterin mit roten Haaren, eine gelangweilte Hausfrau, die ihr Leben mit der Arbeit an einer Erotik-Hotline finanziert und ein um einen Sohn betrogener Ex-Liebhaber.  Alle diese Personen und noch viel mehr davon befinden sich in einem Raum. Die Hausfrau schreit im Kölner Dialekt, die Richterin richtet, der Ex-Liebhaber jammert. Es geht um Unterhalt, Hartz4 und das Jugendamt. Die Hausfrau frönt ihrem „Beruf“ während sie die Spaghetti für den Sohn kocht und telefoniert dabei mit einem Kunden. Sie rührt die Pasta und salzt das Wasser während sie für Peter *Name von der Redaktion geändert* in den Telefonhörer stöhnt. „Isch bin ein jeiles Stück und ich will dat du mir alles jibst, was du hast“. Dabei zuppelt sie ihren Freizeitanzug zurecht, den Peter jedoch für ein heißes Negligé hält.

Berlin WallNun stellt sich mir die Frage: für wen wird dieses Programm eigentlich gemacht? Für alle zu Hause sitzenden Hartz4-Empfänger? Will man den Menschen einen Spiegel vor die Augen halten mit dem Warnhinweis „Pass auf, dass du nicht auch so endest“ oder will man sich den Menschen besser fühlen lassen „Sei froh, dass du nicht auch so bist“? Ein durchschnittlich denkender Mensch mit einem normalen Bildungsgrad wird nach spätestens 2 Minuten den Sender wechseln. Ein unterdurchschnittlich denkender Mensch langweilt sich nach spätestens 2 Minuten, weil sein Leben selber eine Doku dieser Art ist. Wer soll sich also diesen Schund anschauen? Was wollen uns die Macher damit sagen?

Ist das Deutschland? „Sind wir das Volk“?

Wenn ja, dann Gute Nacht und Danke dafür, Mauerfall.


About this entry